1,3 Millionen Frauen tun es, aber rund 9 Millionen Österreicher reden nicht darüber. Sex? Nein! Der ist doch schon lange kein Tabuthema mehr. Wir sprechen vom Menstruieren. Aber mal abgesehen davon, dass es sich bei der Periode um nichts verboten Schmutziges handelt, sondern um den Lauf der Natur, sollten wir vor allem deshalb darüber reden: Unserer Umwelt zuliebe!

(Ein Bericht, der im Herbst 2018 im Magazin Lebensart von mir, Lisa Strebinger, erschienen ist.)

Wenn frau Damenhygieneprodukte shoppen muss, dann sieht das folgendermaßen aus: An das Regal voller Binden, Tampons und Intimpflegemittel wird versucht, sich möglichst achtsam heranzupirschen, um weitestgehend diskret nach der ein oder anderen Packung zu greifen. Dabei das Augenmerk darauf gelenkt, günstige Produkte zu erhaschen, die gleichzeitig super saugfähig sind. Nachdem einem das gelungen ist, gilt es nur noch das finale Ziel – die Kassa – zu erreichen. Schnell möchte frau bezahlen, und hofft dabei inständig, nicht den männlichen Vorgesetzten oder gar den herzersehnten Schwarm in der Warteschlange anzutreffen. Ob die erworbene Beute fair gehandelt wurde, schadstofffrei, antiallergen, aus natürlichen Materialien erzeugt und letztlich von der Natur biologisch wieder abbaubar ist? Darüber wird nicht nachgedacht! Zumindest normalerweise nicht.

KEINE INHALTSSTOFFE AUF DEN VERPACKUNGEN

„Einer der Hauptgründe dafür ist, dass das Thema Menstruation in einen Schleier des Schweigens gehüllt wird. Allein der Gedanke daran scheint schon eklig zu sein. Eine sehr altbackene Einstellung unserer angeblich so aufgeschlossenen Gesellschaft. Hinzu kommt, dass Frauen gar nicht die Möglichkeit haben, direkt im Geschäft mehr über jene Hygieneartikel zu erfahren, die sie tagelang, Monat für Monat, verwenden“, so die 33-jährige Annemarie Harant, die, gemeinsam mit ihrer Geschäftspartnerin Bettina Steinbrugger, das Wiener Unternehmen erdbeerwoche gegründet hat. Die zwei Jungunternehmer-Queens möchten ökologisch-nachhaltige Damenhygiene mainstream machen, hierzu aufklären und erfolgreiche Produkte preiswert verkaufen. Denn, Tatsache ist: Im traditionellen Drogeriehandel sind der Großteil aller Frauenhygieneartikel für den eigenen Körper und vor allem für die Umwelt bedenklich. Wissen tut das kaum jemand, denn auf einer klassischen Tampon-, Binden oder Slipeinlagenverpackung müssen weder Herstellungsart noch Inhaltsstoffe vermerkt sein.

RÜCKSTÄNDE VON FORMALDEHYD UND GLYPHOSPHAT

Annemarie Harant klärt auf: „Konventionelle Tampons. Binden und Slipeinlagen bestehen meist aus gebleichter Zellulose, umhüllt von einer Kunststoffschicht. Letztere ist häufig der Grund für Hautirritationen und Infektionen im Intimbereich. Außerdem wurden in einigen Produkten bereits Rückstände von Dioxin, Formaldehyd oder Glyphosphat entdeckt.“ Letztlich landen besagte Giftstoffe jedoch nicht nur im eigenen Körper, sondern irgendwann ebenso in der Natur, da wir unsere gebrauchten Hygieneartikel entsorgen müssen. Auf einer Mülldeponie benötigen Tampons, Binden und Slipeinlagen rund 500 Jahre, bis der letzte Rest an Kunststoff vollends verrottet ist und man bedenke dabei, dass nicht in allen Ländern die Müllentsorgung und –verbrennung so reibungslos funktioniert wie in Österreich. Während des Abbauprozesses werden schließlich alle „fiesen Zutaten“ direkt an unsere Erde und in unser Grundwasser abgegeben. Harant und ihre Geschäftspartnerin haben für dieses Problem jedoch eine Lösung parat: Ganz einfach zu waschbaren oder kompostierbaren Hygieneproduktengreifen.

DAMENHYGIENE FÄLLT UNTER DEN ROST

Doch selbst für die Gründerinnen von erdbeerwoche ist das Thema nachhaltige Frauenhygiene ein relativ junges. „Es ist etwa acht Jahre her, dass meine Kollegin Bettina und ich uns darüber unterhalten haben, dass wir beide der Typ Konsumentin sind, der stundenlang vor einem Supermarktregal steht und Müsliverpackungen danach studiert, ob nicht doch irgendwo Palmöl enthalten sein könnte oder welche Bio-Milch die allerbeste ist. Da fanden wir irgendwann im Laufe unseres Dialogs heraus, dass wir uns mit so vielen unterschiedlichen Umweltthemen beschäftigen, aber niemals die Damenhygiene bedacht haben“, wirft Annemarie Harant einen Blick in die Vergangenheit. Sie selbst ist in einem durch und durch alternativen Öko-Haushalt aufgewachsen, in dem stets auf Fairtrade-Gütesiegel und Biozertifizierungen geachtet wurde. Ausnahme aber auch hier: Alles was die „roten Tage“ der Frau betrifft. Dass die Damenhygiene-Thematik und ihre Auswirkung auf die Umwelt so unter den Rost fällt, soll sich, wenn es nach erdbeerwoche geht, in den nächsten Jahren massiv ändern, denn mittlerweile gibt es viele Alternativen, die selbst schon die überzeugtesten Skeptikerinnen bekehrt haben.

VON WASCHBAREN BINDEN UND BIO-TAMPONS

Im Internet und einigen ausgewählten Drogeriemärkten sowie Apotheken kann man bereits ökologische Hygieneartikel erwerben, ebenso über den Online-Shop von erdbeerwoche. Harant: „In unserem Sortiment haben wir zum Beispiel kompostierbare Tampons, Slipeinlagen und Binden aus reiner Bio-Baumwolle. Aber wir haben auch Menstruationskappen und waschbare Slipeinlagen und Binden aus Stoff, die sich leicht reinigen lassen. Auch schöne, bequeme Unterwäsche,  Pflegeprodukte und vieles andere gibt es bei uns im Online-Shop.“ Sämtliche angebotene Artikel werden in der EU hergestellt, sind besonders hautverträglich und entsprechen strengen Bio- und Fairtraderichtlinien, sind vegan, abbaubar, und selbst diverse Kunststofffasern sind aus nachhaltigen Rohstoffen hergestellt. Bloß die fair gehandelte Bio-Baumwolle, die in den Produkten steckt, kommt von weit her, aber diese wächst nun einmal nicht in unseren Breiten.

AB AUF DEN KOMPOST STATT IN DEN RESTMÜLL

Kompostierbare Tampons und Einlagen sind auf dieselbe Art zu verwenden, wie 08/15-Produkte von konventionellen Herstellern, also: einführen, warten bis sie vollgesogen sind und nach Gebrauch wegwerfen, bloß darf es diesmal die Biotonne und muss nicht zwingend der Restmüll sein. Sogar die Verkaufspreise der ökologischen Alternativen liegen nur geringfügig über jenen von klassischen Weltmarken-Herstellern.

Genannte, waschbare Stoffbinden und Stoffslipeinlagen werden mithilfe von Druckknöpfen auf der Unterhosen-Außenseite befestigt. Verwenden kann man sie in jedem normalen Slip, man muss sich dafür nicht mit speziellen Dessous einkleiden. „Die Saugfähigkeit all dieser Produkte ist auch tatsächlich vergleichbar mit jener von Mainstream-Produkten. Außerdem gibt es für alle Bedürfnisse das Richtige: normale, Super- oder Superplustampons. Bei den Binden und Slipeinlagen gibt es lange, dicke, dünne, mit oder ohne Flügel. Für jede Frau ist das Richtige dabei, hier muss man auf den bisher gewohnten Komfort nicht verzichten“, erklärt Expertin Annemarie Harant.

Sind Stoffbinden stark mit Blut verschmutzt, ist es ratsam sie kurz mit kaltem Wasser abzuspülen, später können sie, wie ihre Slipeinlagen-Kolleginnen, bei 60 Grad Maschinenwäsche gereinigt werden, zum Beispiel gemeinsam mit Handtüchern oder der Bettwäsche, die man ohnedies regelmäßig in die Waschmaschine steckt.

KUNSTSTOFF-BECHER STATT BAUMWOLL-STOPPEL?

Wem das dennoch nach zu viel Aufwand schreit und, der bisher Binden ohnedies nicht gerne verwendet hat, der ist mit der sogenannten Menstruationstasse besser beraten. Dabei handelt es sich um einen kleinen, kegelförmigen Becher, der in die Scheide eingeführt wird, um dort das Blut während der Periode aufzufangen. Die Menstruationstasse ist ähnlich wie ein Tampon zu verwenden: Wenn der Cup voll scheint, zieht man ihn an seinem Stiel aus der Scheide und entleert das enthaltene Blut in die Toilette. Zuletzt spült man die Tasse mit Wasser ab (ggf. kann man sie noch desinfizieren) und kann sie danach wieder einführen.

MENSTURATIONSTASSE: VIELE PLUSPUNKTE

Die Menstruationstasse besteht aus bieg- und anschmiegsamem Kunststoff und sollte, sofern frau die richtige Passform gewählt hat, nicht spürbar sein. Die Vorteile: Bis zu 10 Jahre kann man sie immer wieder verwenden, man läuft niemals Gefahr eine Infektion zu bekommen und beim Sprung ins nasse Pool wird sie nicht, wie ein Tampon, mit Wasser durchtränkt, sondern bildet obendrein eine Schutzbarriere gegen eindringende Schwimmbadkeime.

TIPPS FÜR DEN CUP-GEBRAUCH

„Manche Frauen haben am Anfang Schwierigkeiten, sich an die Tasse zu gewöhnen. Aber das ist wie mit einem Tampon. Manchen passt ein Super-Plus-Modell perfekt, andere sollten eher zur Normal-Größe greifen. Für unterschiedliche Bedürfnisse, gibt es unterschiedliche Tassen-Größen. Man muss dann auch einfach herumprobieren, an welcher Scheidenstelle die Tasse perfekt sitzt und kann zusätzlich noch den Stiel kürzen, sollte dieser zu lang sein. Für den Gebrauch unterwegs, rate ich dazu, eine Flasche Leitungswasser mitzuführen. So kann man die Kappe diskret in der WC-Kabine ausspülen und wer will, mit einem speziellen Reinigungstuch desinfizieren“, erklärt Menstruations-Expertin Harant.

Wer immer noch an den ökologischen Alternativen zweifelt, der wird vermutlich aufhorchen, wenn er versteht, dass man nicht bloß der Umwelt tonnenweise Müll und Schadstoffe erspart, sondern seinem Sparschwein obendrein bares Geld. Zwischen 2.000 und 5.000 Euro geben nämlich Frauen im Zuge ihrer gesamten Menstruations-Phase für Wegwerf-Tampons, -Binden und -Slipeinlagen aus. Wer daher zu wieder verwendbaren Alternativen greift, kann mit dem Ersparten einen guten Gebrauchtwagen kaufen, einen schönen Urlaub genießen  oder ein Masterstudium finanzieren. Aber frau darf selbst entscheiden.

erdbeerwoche

Die erdbeerwoche will nachhaltige Frauenhygiene in den Mainstream bringen!

Gründerinnen: Annemarie Harant und Bettina Steinbrugger

Website: www.erdbeerwoche.at

 

MENSTURATIONS-ZAHLEN UND FAKTEN

5-6,5 Jahreso lange ist in etwa die Zeitdauer, die eine Frau „blutend“ verbringt, reiht man ihre Periodentage aneinander.

1,3 Millionenso viele Frauen leben in Österreich, die sich in ihrem fruchtbaren Lebensabschnitt befinden und regelmäßig menstruieren. Man spricht auch von den „bloody women“.

Ca. 7 Tonnen… so viel Restmüll produzieren diese 1,3 Millionen „bloddy women“ jährlich. Eine einzelne Frau erzeugt 3-6 Kilogramm Menstruationsmüll pro Jahr.

45 Milliarden… so viele Hygieneprodukte, also Binden und Tampons, landen jährlich auf den Müllbergen unserer Erde.

500 Jahre… so lange würden die Plastikbestandteile von Tampons und Binden benötigen, um zu verrotten.

13 Jahre… so alt sind österreichische Mädchen im Durchschnitt, wenn sie das erste Mal ihre Periode bekommen.

51 Jahre… so hoch ist das Durchschnittsalter bei Menopausen-Beginn.

5.000 Euro… so viel Geld gibt eine menstruierende Frau im Laufe der Zeit für Wegwerfprodukte wie Tampons, Slipeinlagen oder Binden aus.

  

LUSTIGE UMSCHREIBUNGEN FÜR DEN BEGRIFF „MENSTRUATION“

Die Woche gibt´s Tomatensuggo

Den Ferrari im Keller haben (ein Ferrari ist ja bekanntlich rot)

Die Maler sind auf Besuch (weil es da unten ja rot wird)

Bin mal wieder voll zugestöpselt (weil man einen Tampon in sich trägt)

Auf der roten Welle surfen

Schmollwoche (aufgrund von PMS)

Riding the cotton pony (amerikanischer Ausdruck: weil man Tampons oder Binden benützt)

Erdbeerwoche (beliebter Begriff in Norddeutschland)

 

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