Gut für den Popo. Besser für´s Börserl. Am besten für die Umwelt!

Sind Stoffwindeln ein Rückschritt in die Steinzeit oder Hoffnung für unsere Zukunft? LEBENSART hat mit einer Stoffwindel-Beraterin über das Für und Wider der umweltfreundlichen Wickelalternativen gesprochen. Das Resultat: Die Pros überwiegen in unzähligen Belangen, einziger Nachteil, gegenüber den Mülltonnen-Exemplaren, ist die Praktikabilität. Und die ist bloß Gewohnheitssache.

(Ein Bericht der im Herbst 2018 im Magazin Lebensart von mir, Lisa Strebinger, erschienen ist.)

Frisch gebackene Eltern haben viele Sorgen. Diese können groß sein und sich um Fragen drehen wie: Ist mein Kind gesund? Oder werde ich meiner Mutter- und Vaterrolle gerecht? Die kleinen Sorgen sind jedoch nicht minder wichtig und betreffen Fragen, wie die richtige Ernährung, die richtige Kleidung und eben auch die richtigen Windeln. Mamas und Papas wollen stets nur das Beste für ihre Kleinsten, deshalb wird in der Schwangerschaft meist Bio gegessen und auch Babys erster Brei soll aus biologischer Landwirtschaft stammen. Die Kleidung ist aus fair gehandelter Öko-Baumwolle und an Babys zarte Haut dürfen nur pures Wasser und pflanzliche Öle. Doch wenn es um das in Kindersprache ausgedrückte „Lulu“ und „AA“ geht, klatschen über 90 Prozent der Eltern ihren Schützlingen Kunststoff auf den Popo, bestehend aus Polyethylen, Polymersalzen und nicht zu vergessen voller Bleich- und Farbstoffe. Warum das so ist?

PRAKTISCH VERSUS UMWELTFREUNDLICH

Weil es praktisch ist, ganz einfach. Wegwerfwindel d‘rauf, Kot rein, Windel runter und ab damit in den Mistkübel. Dass ein Kind aber im Laufe seiner Wickelzeit zwischen 4.000 und 6.000 Wegwerfwindeln verbraucht, die rund eine Tonne an Restmüll ausmachen, an das denkt dabei kaum einer. Zudem dauert es 300 Jahre, bis eine Wegwerfwindel vollständig verrottet ist. Ein Dilemma, das jedoch lösbar ist.

„Mit Stoffwindeln – auch Mehrwegwindeln genannt – macht man keinen Rückschritt in die Steinzeit. Ganz im Gegenteil, sie sind ein Schritt in die Zukunft“, sagt Elternberaterin Mariella Gögele, die mit ihrem Unternehmen „Familienglück“ neben Stoffwindelberatung und Trageberatung auch Positive Birth-Kurse und Tanzen mit dem Baby anbietet. Gögele ist vor etwa einem halben Jahr zur glücklichen Vierfach-Mama geworden (aktuelle Ergänzung: mittlerweile ist sie fünffache Mama). Ihre Söhne, alle im Abstand zwischen zwei und zweieinhalb Jahren geboren, waren natürlich – wie wir alle – Wickelkinder. Denn niemand erblickt das Licht der Welt und geht sofort aufs Klo. Für Mariella und ihren Gatten Edgar hat diese Tatsache bisher mindestens 15.000 Mal wickeln bedeutet (aktuelle Ergänzung: der 5. Sohn hat die Zahl nun weiter erhöht).

WENIGER RESTMÜLL FÜR UNSERE ZUKUNFT

„Uns ist die Umwelt sehr wichtig, wir versuchen daher in allen Belangen einen möglichst nachhaltigen Lebensstil zu führen“, erzählt die 37-jährige Windel-Expertin. „Schon während meiner ersten Schwangerschaft war uns klar, dass wir so wenig wie möglich an Windelmüll erzeugen wollen. Wir haben es bei unserem ersten Kind sogar ein halbes Jahr lang geschafft, es windelfrei zu erziehen, indem wir beobachteten, wann unser Sohn muss und ihn abgehalten haben – so nennt man das.“ Doch nach sechs Monaten sträubte sich das Kind dagegen, weshalb für Familie Gögele die einzig akzeptable Alternative das Wickeln mit Stoffwindeln war.

Die Vorteile dieser Methode sind zahlreich, so Gögele: „Einerseits haben die Kinder mehr Bezug zu ihren Ausscheidungen, da sie nicht ganz so staubtrocken liegen, wie in einem Wegwerfexemplar. Sie werden daher im Durchschnitt auch schneller rein. Außerdem sind die Kinder damit eher etwas breiter gewickelt, was keinesfalls ein Nachteil für die Hüfte ist. Und letztlich kommt die empfindliche Babyhaut nur mit natürlichen Materialien, wie beispielsweise Baumwolle, in Berührung.“ Hinzu kommt eine geschätzte Kostenersparnis von bis zu 1.000 Euro gegenüber den Wegwerfwindeln. Wer mehr als ein Kind als Nachwuchs geplant hat, der spart sogar noch deutlich mehr ein, da viele Stoffwindeln bis zu drei Wickelgenerationen überstehen.

WINDELBERATUNG DURCHAUS EMPFEHLENSWERT

Entscheidet man sich für den Umgang mit Stoffwindeln, ist es ratsam, eine Stoffwindelberatung in Anspruch zu nehmen, denn die Modelle und Systeme sind so zahlreich, wie Babys unterschiedlich sind. Hier verliert man schnell einmal den Überblick und fühlt sich überfordert oder gar entmutigt. „Im Rahmen einer Beratung können meine Kunden bei mir testen, welche verschiedenen Modelle es gibt und was deren Vor- und Nachteile sind. Jedes Kind hat eine andere Anatomie, eine andere Haut und auch jeder Elternteil schätzt unterschiedliche Wickelsysteme aufgrund deren Handhabung“, erzählt Mariella Gögele. Da braucht es ein wenig Geduld, bis man den richtigen Hersteller und dessen ideales Modell gefunden hat. Gögele rät außerdem dazu, sich zunächst einmal fünf verschiedene Windeln zu bestellen, um selbst ausprobieren zu können, was dem Kind und was Mutter oder Vater liegt. Weiß man das, kann man sich seine Lieblingsexemplare noch einige weitere Male bestellen. Mit etwa 20 Windeln und vier Überhosen ist man bereits gut ausgestattet.

DAS MEHRWEGWINDEL-PRINZIP 2.0

Das Prinzip der Mehrwegwindel ist vielschichtig, aber simpel: Im innersten Kern legt man ein Windelvlies ein, das dazu dient, den Kot aufzufangen. Im Anschluss folgt der saugende Teil der Windel, der Feuchtigkeit aufnimmt und rundum gleichmäßig verteilt, sodass sich nicht an einer einzelnen Stelle die Nässe staut. Ganz außen befindet sich schließlich die schützende Überhose, die verhindert, dass etwaige überschüssige Feuchtigkeit oder dünnflüssiger Kot auf das weitere Gewand übergehen. Ist die Windel voll, dann wird der Kot vom innersten Kern ins Klo abgestreift. Innenvlies und Saugteil müssen nach jedem Wickeln gewechselt und letztlich bei 60°C Maschinenwäsche gereinigt werden. Die Überhose kann für gewöhnlich häufiger hintereinander verwendet werden, da sie nicht jedes Mal schmutzig wird. Besonders toll: Die Überhosen gibt es mit quietschvergnügten Motiven.

CHEMIEFREIE WINDELALTERNATIVE

Die Windel-Materialien sind, je nach Hersteller, ganz unterschiedlich und bestehen aus Baumwolle, Frottee, Hanf, Bambusfaser, diversen Mikrofasern und anderen Stoffen. Mittlerweile gibt es auch Modelle, die Beinamen tragen wie „all in one“ oder „3 in 1“ und, wie die Namen bereits vermuten lassen, aus einem einzigen Stück bestehen, das alle drei wesentlichen Schichten sozusagen eingebaut hat. Diese Windeln werden nach dem Prinzip von Wegwerfexemplaren angezogen, was sehr praktisch ist. Allerdings kommt etwas mehr Wäsche zusammen, weil das gesamte Paket gewaschen werden muss, inklusive der Überhose, da alle Teile miteinander vernäht sind.

ÜBERSCHAUBAR: ZWEI WASCHGÄNGE ZUSÄTZLICH

„Etwa zwei Waschmaschinen pro Woche habe ich mehr, aber das ist meiner Ansicht nach überschaubar. Ich sammle die gebrauchten Windeln in einem Behälter und wenn genug für einen Waschgang beisammen ist, werden sie gereinigt. Obwohl es von den Herstellern nicht empfohlen wird, kommen sie bei mir auch ab und zu in den Trockner. Bisher haben das noch alle Windeln überlebt“, erklärt Gögele. Unterwegs hat die Fachfrau und Mutter stets eine sogenannte wiederverwendbare „Wetbag“ oder auf Deutsch „Nasstasche“ mit, in der sie die getragenen Modelle geruchsfrei und sauber nach Hause transportiert.

NACHTEILE JA, ABER GERING

Nachteile? Nun ja, Kinder, die häufig und viel urinieren, müssen alle drei Stunden gewickelt werden, da Stoffwindeln nicht so saugfähig sind wie ihre Wegwerfkollegen. Außerdem muss man die Wahl der Kleidung ein wenig bedenken. Da der Windelpopo aufgrund der drei Stoffschichten etwas voluminöser ist, kann keine enge Babyjeans darüber gezogen werden. Stattdessen sollte zu weiten und dehnbaren Hosen gegriffen werden. Außerdem wird es letztlich niemand bestreiten, dass es nicht weitaus bequemer ist, die schmutzige Windel einfach in die Mülltonne zu stopfen, als sie später noch waschen zu müssen. Doch wer dem Wohl der Umwelt dienen möchte, der kann nicht immer den Weg des geringsten Widerstandes gehen. Immerhin ist es auch einfacher, mit dem Auto zu fahren, als das Rad zu nehmen oder zu Fuß zu gehen.

Das Fazit: Schlussendlich muss man wissen, auf was man im Leben Wert legt und selbst entscheiden. Das betrifft die Wahl der Windeln ebenso wie andere Belange.

 

Windel-Zahlen

300 Jahre… so lange braucht die klassische Wegwerfwindel bis sie verrottet ist.

4.000 bis 6.000… so viele Wegwerfwindeln verbraucht ein Kind im Laufe seiner Entwicklung.

1 Tonne… so hoch ist das Gewicht aller Wegwerfwindeln zusammen, die ein Wickelkind über die Jahre verbraucht.

1961… das ist das Jahr, in dem die erste Wegwerfwindel auf den kommerziellen Markt kam. Erfunden wurde sie von der Amerikanerin Marion Donovan, die selbst aber keinen Profit mit ihrer Idee erzielen konnte. Marktreif wurde die Wegwerfwindel von dem US-Unternehmen Chux gemacht. Kurz darauf konnte man auch bereits die erste Pampers, der Firma Procter & Gamble (P&G), erwerben.

15.326 Millionen US-Dollar… so viel Jahresgewinn machte der Pampers-Hersteller P&G im Jahr 2017. Procter & Gamble ist ungeschlagener Marktführer weltweit.

6%…von unserem Restmüll nehmen Wegwerfwindeln ein.

1.200 Euro etwa so viel Geld kostet es, wenn man zwei bis drei Jahre ausschließlich mit Wegwerfwindeln wickelt.

300 Euro… geben Eltern für ein umfangreiches Stoffwindel-Paket aus. Den Großteil der Summe bekommt man mittels „Windelgutschein“ normalerweise von Stadt, Land oder Bund rückerstattet.

 

Windeln für Erwachsene:

Es gibt auch Wegwerfwindeln für Erwachsene und Haustiere. Letztere machen vielleicht nicht die große Menge aus, pflegebedürftige Senioren jedoch durchaus. Sie tragen derzeit ein Sechstel zum gesamten Windelberg bei. Der Anteil wird weiter steigen: Bis zum Jahr 2050 werden etwa eine Million Hochaltrige (Leute über 80 Jahre) in Österreich leben und viele davon werden Windeln benötigen.

Unseren Recherchen zufolge werden Stoffwindeln im Pflegebereich derzeit kaum angenommen. Die Windelpakete sind aufgrund der größeren ausgeschiedenen Mengen dicker und der Geruch unangenehmer als bei Babys. In Zukunft könnte sich das vielleicht ändern, wenn die Frage nach den Kosten in der Pflege immer essentieller wird.

 

Infos:

Mariella Gögele, Stoffwindelberatung, Trageberatung, Positive Birth-Kursleiterin, Burzzi Dance Instructor, www.deinfamilienglueck.at

www.windelberater.at: Hier kann man nach Stoffwindelberaterinnen suchen

 

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