Vor kurzem habe ich mit meinen Söhnen (1,5 und 4 Jahre) ein Wimmelbuch durchgeblättert und immer wieder Fragen gestellt: „Findet ihr die Katze? Wo ist der blaue Traktor?“ Und so weiter… bis mich mein Großer, Fabian, fragt: „Mama, findest du die Kälber? Wieso sind sie nicht bei den Mama-Kühen, sondern in einem Extrastall eingesperrt?“

Da musste ich einmal schlucken. Eine kluge Frage von dem kleinen Knopf. Eine kluge Antwort wurde von mir erwartet.

Wie viel Wahrheit kann man einem kleinen Kind zumuten, ohne zu schockieren und zeitgleich nicht zu lügen? Ich behaupte, man kann den Zwergen alles sagen, man muss nur wissen wie. Also sagte ich: „Fabian, du trinkst doch gerne Kakao und isst gerne Joghurt, oder?“ Fabian darauf: „Ja, ich liebe Kakao und Joghurt mit der Marmelade von der Oma d´rin.“ Ich: „Genau. Aber du weißt ja, die Milch kommt von der Kuh. Und das Joghurt wird ja aus Milch gemacht, also kommt es auch von der Kuh. Eigentlich, ist Kuhmilch aber für das Kalb. Das trinkt vom Euter Milch, so wie dein Bruder früher von meinem Busen getrunken hat.  Weißt du noch? Der Bauer will aber ganz viel Milch verkaufen, daher will er nicht, dass das Kalb die Milch von seiner Mamakuh trinkt. Also sperrt der Bauer das Kalb weg und das kriegt ein Flaschi, so wie dein Bruder auch früher ab und zu eines bekommen hat. Das Kalb darf nicht bei der Mama-Kuh sein und mit ihr kuscheln, weil sonst trinkt es ja die Milch aus dem Euter.“

Nach meiner vermeintlich minderklugen Erklärung war einmal kurz Stille. Dann sagte Fabian: „Mama, wieso trinken wir dem Kalb die Milch weg?“

Ich sage euch, das ist so einer dieser Momente, wo man als Mama innerlich vor purem Stolz strahlt und leuchtet. Er hatte es verstanden. Ja, wir trinken dem Kalb die Milch weg. Punkt. Da gibt es nichts weiter zu ergänzen oder zu beschönigen.

Eine Kuh erzeugt (ähnlich wie bei uns Frauen) nur dann Milch, wenn sie ein Kalb auf die Welt bringt. Eine Milchkuh kann rund ein Jahr lang Milch geben, ehe ihr weißer Brunnen versiegt. Nach dem Kalben steigt die Milchmenge langsam an und hat nach etwa sieben Wochen ihr Maximum erreicht, das nach zwei bis drei Monaten nach und nach stetig abnimmt.

HOCHLEISTUNGSKÜHE SIND DAUERSCHWANGER

In Milchwirtschaftsbetrieben (ich verwende hier absichtlich nicht den Terminus „Bauernhof“) wird eine Hochleistungskuh zwei bis drei Monate nach der letzten Geburt erneut künstlich besamt, bis sie dann zehn Monate später wieder ein Kalb auf die Welt bringt. Die durchschnittliche Milchkuh (es gibt Ausnahmen, auf die ich noch eingehe) ist erschaffen worden, um Dauerschwanger zu sein und pausenlos gemolken zu werden, selbst während sie trächtig ist. Ergänzt wird ihr putativ artgerechtes Dasein mit fressen, schlafen und – ich sage es einfach unverblümt – scheißen. Das ist das Leben einer Milchkuh, ehe es nach nur fünf Jahren zu Ende gebracht wird. Eigentlich hätten Kühe eine Lebensdauer von rund 20 Jahren. Eine Milchkuh, die mehr als fünf Jahre alt ist, ist jedoch nicht nur unlukrativ, sondern komplett wertlos.

BIO BEDEUTET NICHT AUTOMATISCH „GERECHT“

Wer sich denkt „ich kaufe ja eh Bio“, dem muss hier die bittere Wahrheit offenbart werden. Leider. Zwar steht Bio-Kühen mehr Auslauf zu als konventionell gehaltenen und sie erhalten Bio-Futter, das bedeutet aber nicht, dass die Kälber bei ihren Müttern bleiben dürfen. Aber natürlich gibt es ein paar wenige Ausnahmen.

Es gibt Bauernhöfe, die sehr großen Wert auf artgerechte Haltung legen. Dort fressen Kühe saftiges Heu von der Weide und Kälber werden von ihren Müttern aufgezogen. Es ist jedoch nicht gerade einfach, diese Milch zu beziehen. In den nächstbesten Supermarkt laufen genügt meistens nicht. Wer sich zu dieser „artgerechten“ Milch erkundigen will, der tippt in seine Online-Suchmaschine am besten folgendes ein: „kalbfreundliche Milch“ oder „Milch von muttergebundener Kälberaufzucht“.

WIR LEBEN (FAST!) MILCH-PRODUKTEFREI

Ich für mich, oder besser gesagt wir als Familie für uns, haben entschieden, dass wir jedenfalls auf etwa 80% unseres bisherigen Milch- und Milchproduktekonsums verzichten und stattdessen auf vegane Alternativen zurückgreifen, die uns allen schmecken, inklusive meinem Mann (der ist immer der Maßstab: schmeckt´s DEM, dann ist es der Allgemeinheit zumutbar).

Ich kann euch an dieser Stelle auch noch gerne ein Geständnis machen: Ich gehörte sehr, sehr lange Zeit selbst zu jenen Konsumenten, die den eigenen Milchprodukteverbrauch an die äußerste Spitze trieben. Ein halber Liter Naturjoghurt, fünf Tassen Milchkaffee und bestimmt 80g Käse pro Tag gehörten auf meinen täglichen Standardspeiseplan. So etwas wie Milchschokolade oder gekaufte Backwaren mit verstecktem Milcheiweiß sollten vermutlich zusätzlich Erwähnung finden. Doch irgendwann kam mein Umdenken und ich fand mich und meine Einstellung unfassbar absurd.

KUHMILCH IST FÜR KÄLBER, MUTTERMILCH FÜR BABYS

Absurd vor allem deshalb, weil ich zu jener Spezies Frauen gehörte (und streng genommen leider immer noch gehöre –  ich bitte um Nachsicht und Verzeihung), die es seltsam findet, wenn andere Mamas ihre Kinder stillen, obwohl sie längst laufen können und deutliche Wörter von sich geben. So ein Kleinkind, das sich da selbst an der Milchbar der Mutter bedient, finde ich komisch. Aber wieso? Keine Ahnung. Denn, ich fand es ja auch nicht absurd, das Sekret eines artfremden Tieres, einer Kuh, zu trinken.

Wenn man es nämlich von diesem Blickwinkel aus betrachtet, wird einem erst klar, wie unlogisch es ist, Milchwirtschaft zu betreiben. Kuhmilch ist für Kälber, Muttermilch ist für Babys, Schafsmilch für Lämmer und Ziegenmilch für Zicklein. Da gibt es kein „aber“. So hat es die Evolution nun einmal vorgesehen.

Aber ja, die Evolution schreitet voran und alles ist veränderlich. Ich will hier keinesfalls sagen: „Wer Kuhmilch konsumiert, ist ein schlechter Mensch“. Nein. Für mich persönlich gehört ein gutes Stück Käse dazu, wie ab und zu ein gutes Glas Wein. Wenn mein Großer im Supermarkt nach Milch verlangt und sich nicht liebevoll von mir zu einem Ersatzprodukt überreden lässt, darf er natürlich eine Flasche mitnehmen und erst gestern habe ich nachmittags verschiedene Tortenstücke aus der Konditorei meines Vertrauens geholt, weil das sonntags sein darf.

Es geht mir aber um die Masse. Es gibt einen Unterschied zwischen etwas mit „Maß konsumieren“ und die „Masse konsumieren“.

MILCH MACHT KRANK

Es kann jedenfalls nicht sein, dass weltweit die Milchproduktion so massiv angetrieben wird, dass die Existenz der Milchbauern nur mehr darauf beruht, Milch so günstig wie möglich zu produzieren (Zitat aus dem Dokumentarfilm „Das System Milch“). Es kann nicht sein, dass so viel Milch produziert wird, dass wir daraus Milchpulver machen müssen, weil wir gar nicht mehr wissen, wohin mit dem verderblichen Gut. Dieses Milchpulver schicken wir in Länder Asiens, in denen es vor einigen Jahren noch gar keine Notwendigkeit gab, Kuhmilch zu konsumieren. Jetzt propagieren dort Politik und Wirtschaft, Kuhmilch sei gesund und nur durch sie würden Kinder „groß und stark wie Europäer“ werden. Falsch, denn stattdessen häufen sich dort die Osteoporosefälle, wo Osteoporose bis Dato eine unbekannte Erkrankung war. Milch fördert Osteoporose.

Milchpulver wird in jedes erdenkliche Billiglebensmittel gemischt, um es günstig zu süßen oder cremiger zu machen. In Afrika nagen Landwirte kleiner artgerechter Bauernhöfe am Hungertuch, weil Großkonzerne aus den USA und Europa Instant-Milchpulver zu Spottpreisen verhökern und die arme Bevölkerung lieber das günstige, industriell verarbeitete Pulver zum Anrühren kauft, statt die frische, kostenintensive Alternative heimischer Kühe.

LACTOSEINTOLERANZ IST ETWAS NATÜRLICHES

Übrigens: Die Zahlen an Lactose intoleranten Menschen ist, im Vergleich zu Europa, in Afrika extrem hoch. Das beweist einmal mehr, dass Lactoseintoleranz kein Ausnahmezustand ist und keineswegs eine Krankheit.  Ganz im Gegenteil: Lactoseintoleranz ist die Normalität. Von Natur aus ist oder wäre der erwachsene Mensch Lactose intolerant. Er kann keine Milch oder besser gesagt keinen Milchzucker (=Lactose) verdauen. Das können naturgemäß nur Kinder (klar, denn sie müssen als Säugling die Milch der Mutter trinken und verdauen).

In der Mittelsteinzeit (vor ca. 5.000 Jahren) fanden Menschen, die unsere Breitengrade und kühlere Klimaregionen besiedelten, heraus, dass sie die Milch von Tieren trinken könnten, um sich über die nahrungskarge Zeit zu retten. Es war eine Notlösung, um zu überleben. Evolutionsbedingt hat der menschliche Körper schließlich eine Genmutation hervorgebracht, die es ermöglichte, fortan Lactose zu verdauen.

In jenen Gebieten der Welt, wie etwa in Afrika und in weiten Teilen Asiens, war das Klima jedoch milder oder es gab sättigende Nahrungsalternativen, wie z.B. Meeresfisch und Meeresfrüchte, sodass das Trinken von tierischer Milch nicht nötig gewesen ist. Daher blieben die Menschen dort Lactose intolerant – sie mussten sich nicht anpassen.

Heute ist alles anders als vor 5.000 Jahren. Heute können wir  (zumindest wir Österreicher) heizen, wir wohnen in gut gedämmten Häusern und die Weltwirtschaft beliefert uns 365 Tage im Jahr mit mehr Nahrungsmitteln als uns lieb sein sollte. Die Notwenigkeit, Lactose und tierische Milch zu verdauen ist nicht mehr gegeben. Wir MÜSSEN keine Kuhmilch mehr konsumieren, um zu überleben. Wir könnten diese Tatsache nun philosophisch betrachten: „Vielleicht heißt das, wir sollten auf (Kuh-)Milch verzichten!?“

Zum Schluss möchte ich jedem den Dokumentarfilm von Andreas Pichler aus dem Jahr 2017 „Das System Milch“ nahe legen. Sehr informativ, sehr objektiv, sehr spannend. Der Film ist sogar etwas für einen coolen Homekinoabend mit Freunden, weil er wirklich richtig gut gemacht ist. (Ich habe ihn sogar gemeinsam mit meinem vierjährigen Sohn angesehen – nur ein paar wenige Szenen habe ich ihm zuliebe ausgelassen.)

In diesem Film wird außerdem auf die gesundheitlichen Auswirkungen unseres enormen Milchkonsums eingegangen – kein unwichtiger Aspekt.

Wie steht ihr zu dem Thema „Milchkonsum“? Wie denkt ihr darüber? Wie viel Milch konsumiert ihr, oder konsumiert ihr eben nicht? Und warum ist das so? Ich freue mich über viele Inputs, Anregungen und persönliche Geschichten.  

„Be a switch!”

Alles Liebe,

Eure Lisa

 

 

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