Ich, Lisa, habe vor einiger Zeit begonnen, mich gegen den Bau einer neuen Straße in meiner  Stadt zu stellen und bin daher seit einigen Monaten Mitglied der Bürgerinitiative „Vernunft statt Ostumfahrung“. Die geplante Schnellstraße soll mitten durch ein Natura 2000-Schutzgebiet führen und obendrein zahlreiche, wertvolle landwirtschaftliche Flächen vernichten. Im Zuge meines Engagements habe ich ein Statement verfasst. Ich möchte euch dieses nicht enthalten. Lest selbst. Die Zeilen regen zum Nachdenken an.

WENN DER BODEN STIRBT.

Alle jene, die den Bau der Ost“umfahrung“ oder besser gesagt, der ostBEFAHRUNG vorantreiben wollen, könnten mir vorwerfen: „Die wohnt ja dort um die Ecke, logisch, dass die den Bau der Straße nicht will.“ Moment! Bevor ich zu meinen entwaffnenden Argumenten komme, weshalb die Ost“umfahrung“ irrwitzig ist und purem Wahnsinn gleicht, muss ich festhalten, dass mein Mann und ich vor über vier Jahren eine Doppelhaushälfte in der Stampfgasse an der romantischen Pappelallee entlang der Warmen Fischa  gekauft haben, wohlwissend, dass irgendwann die geplante Trasse gebaut werden könnte. Dennoch haben wir uns für dieses Haus entschieden. Diese Entscheidung werde ich nie bereuen. Hier ist mein Zuhause, das Zuhause meiner Söhne.

Soll aber nicht heißen, dass es uns heute egal ist, ob die Straße kommt oder nicht. Kann schon sein: Vielleicht würde mich das „Mehr“ an Verkehrslärm tatsächlich nicht stören, weil ich gerade schon zu weit weg wohne. Vielleicht radeln wir dann entlang des Kanals Richtung Baden, statt durch die Felder nach Lichtenwörth. Vielleicht suchen sich die beiden Turmfalken, die wir im Sommer bei der Jagd beobachten durften, ein paar Kilometer weiter einen neuen Nistplatz. Vielleicht.

Eine neue Straße ist wie ein Loch im Ameisenhaufen.

In welchem Belangen es mit Sicherheit KEIN „vielleicht“ gibt, ist, dass der Boden genau dort stirbt, wo die Straße gebaut wird. Doch wie kann Boden sterben? Das ist doch einfach etwas Erde, ein Haufen Dreck? Baut man eine Straße in einem mehr oder minder naturbelassenen Gebiet, ist das, als würde man mit einer Schaufel quer durch einen Ameisenhaufen graben. Habt ihr das mal erlebt, wenn ein Ameisenhaufen teilweise kaputt geht? Welche Aufruhr und Aufregung in diesem komplexen Gebilde herrscht, um den Schaden wieder gut zu machen. Das Ökosystem Erde kann Beton und Asphalt nicht zerstören und kann einen derartigen Schaden, den eine Straße verursacht, nicht wieder gut machen. Das ist ein Fakt. Irrelevant welche Form von vermeintlichen Ausgleichsflächen auch geschaffen werden. Was tot ist, ist tot und kommt nicht wieder.

Toter Boden macht uns Menschen krank.

In nur einer Handvoll Boden können mehr Organismen leben, als Menschen die Erde bevölkern. Je unnatürlicher und ungesünder ein Boden ist, desto weniger Organismen kommen darin vor. Diese Klein- und Kleinstlebewesen, selbst, wenn wir die meisten von ihnen nicht mit dem bloßen Auge sehen können, sorgen aber dafür, dass unser Obst, Gemüse und Korn wächst und voller Nährstoffe steckt. Ohne Bodenleben, keine Nahrung für uns Menschen! Das ist ein Fakt. Bodenversiegelung – also „Zubetonierung“ – Umweltverschmutzung wie etwa durch steigenden Verkehr und extensive Landwirtschaft, sorgen dafür, dass unser Mutterboden stirbt. Der Bauer merkt das im Extremfall daran, dass ihm nichts mehr wächst. Wir Menschen merken es subtil an einer Unterversorgung mit Nährstoffen, kurz um: mit Mangelerscheinungen und „Sternchen“ im Blutbild. Das Obst und Gemüse ist nährstoffLEER.

Zahlreiche Studien zeigen eine rapide Abnahme der Vitamine und Spurenelemente in unserem Obst und Gemüse, teilweise um bis zu 80% seit den 1970er Jahren. Da kann man so viel Grünzeug essen, bis es einem aus den Ohren rauskommt, man wird dennoch an Mangelerscheinungen leiden, denn unser Boden wird sukzessive kaputt und stirbt. Wollen wir das für uns selbst, für unsere Kinder und Enkelkinder?

35 Millionen Euro machen es schlimmer, statt besser.

Nun, jetzt könnte man auch sagen – so wird sehr gerne seitens der Politik argumentiert – dass man ja mit der Straße nicht viel zerstöre, weil der längste Teil der Trassenstrecke durch  extensiv genutzte landwirtschaftliche Flächen verläuft, also durch NICHT-Biofelder. Eh dort, wo nicht so sehr auf biologische Dünung und abwechselnde Fruchtfolge geachtet wird. Eh dort, wo der Boden längst nicht mehr so gesund ist. Achtung! Muss ich denn die Ist-Situation mit einer Straße aber noch viel schlimmer machen, als sie nicht schon ist? Muss ich den Bauern die Schuld geben? Auf „Bio“ umzusteigen ist nach EU-Richtlinien manchmal unmöglich und, ich drücke es unverblümt aus: sauteuer. Könnte man nicht die 35 Millionen (vermutlich sind es über 40 Millionen) an Straßenbaukosten dazu nutzen, um „das Ist“ besser zu machen? Vielleicht könnte man einen Teil des Geldes dazu einsetzen, um Bauern dabei zu unterstützen, ihren Betrieb nachhaltiger zu gestalten, damit der Konsument gesündere, nährstoffreichere und weniger pestizidbelastete Lebensmittel erhält? Oder vielleicht kann man das Geld dafür verwenden, um kleine Teile der Felder in naturbelassene Blühwiesen zu verwandeln, damit sich zumindest hier der Boden ein wenig regenerieren kann und Nützlinge ihre Heimat finden? Ganz ehrlich, zu sagen, es ist ja „eh schon schlimm“ und nichts dagegen tun, dass es besser wird: Da wird mir übel.

Kinderarzt warnt vor Trinkwasser in Wiener Neustadt.

Habt ihr euch einmal überlegt, wo unser Trinkwasser herkommt? Aus dem Boden. Manche Regionen haben das Glück Quellwasser aus den Bergen zu erhalten. Wir in Wiener Neustadt, so wie in den umliegenden Gemeinden und vielen anderen Flachlandgebieten Österreichs, trinken Grundwasser. Normalerweise gelingt es einem gesunden Boden, mit all seinen Mikroorganismen und Gesteinsschichten, das Grundwasser so gut zu filtern, dass es in unseren Leitungen als Trinkwasser ankommt. Wisst ihr aber, was mein Kinderarzt mich mehrfach gewarnt hat? „Geben Sie Ihren Kindern nicht das Wiener Neustädter Wasser zu trinken! Kaufen Sie bitte stilles Mineralwasser!“ Das hat mich hellhörig gemacht und ich habe zu recherchieren begonnen (fiel mir auch nicht schwer, so als Wissenschaftsjournalistin).

Das Wasser in Wiener Neustadt hat (meiner Ansicht nach und der Ansicht des Kinderarztes zufolge) zu hohe Nitratwerte. Zwar belaufen sich diese in der Heideansiedlung auf rund 12mg/l, im Westen der Stadt auf etwa 33,7 mg/l und der erlaubte Schwellenwert in Österreich liegt bei 50mg/l, aber für Kleinstkinder und kleine Kinder sind mir als Biologin und Mutter diese Werte dennoch zu hoch (egal, was hier die Obrigkeit behauptet).

Wer bitte sagt denn, dass es immer „nur“ ein Ziel sein muss, irgendwie unter dem erlaubten Schwellenwert zu bleiben? Wer sagt denn  bitte, dass diese Schwellenwerte gut und sicher sind? Eine Studie? Auf jede Studie gibt es eine Gegenstudie. In diesem Fall lasse ich lieber meinen Hausverstand entscheiden und der sagt mir, dass meine Kinder und ich selbst das Wasser nicht trinken. Ich verwende es maximal zum Kochen.

Wer sich jetzt die Frage stellt: Warum ist Nitrat überhaupt so schädlich? Dem gebührt natürlich eine Antwort: Unser Körper wandelt Nitrat in für uns giftiges Nitrit um, das dafür sorgt, dass weniger Sauerstoff in unserem Blut transportiert werden kann. Banal ausgedrückt bedeutet das, dass die Zellen unseres Körpers  sozusagen sauerstoffunterversorgt sind. Zu hohe Nitrat- bzw. Nitritwerte können vor allem bei Babys zum Tod führen. Allgemein kann zu viel Nitrit krebsfördernd wirken.

Autos schleudern Schwermetalle ins Grundwasser.

Nitrat landet überwiegend durch die Düngung extensiver Landwirtschaft im Erdboden, mit dem Bau einer neuen Straße landen nun noch zusätzlich Schwermetalle im Erdboden und somit im Trinkwasser und in weiterer Folge in unserem Obst und Gemüse. Zum Schluss trinken und essen wir mehrfach Gift. Herzlichen Glückwunsch, das nennt man dann wohl „Mehrfachjackpot“.

Zahlreiche Studien untermauern das Ganze und bestätigen, dass Obst und Gemüse, das in der Nähe von hohen Verkehrsaufkommen angebaut wird, erheblich stärker mit Schadstoffen, wie Schwermetallen belastet ist, als jenes, das weit weg von jeglichem Verkehrsaufkommen gezogen wurde. Was Schwermetalle mit unserem Körper machen? Nun gut, manche Metalle, wie Zink und Eisen, braucht unser Körper in geringen Mengen, zu hohe Konzentrationen davon sind aber ebenfalls giftig.

Das Resultat: Krebs, Multiples Sklerose und andere Krankheiten.

Ich rede hier aber von Schwermetallen, wie beispielsweise Blei. Blei wirkt heimtückisch und versteckt auf unseren Körper. Bleivergiftungen bringen oftmals Darmkoliken oder eine leichte Blutarmut mit sich. Ebenso Gicht und Leberschäden können durch Blei ausgelöst oder verstärkt werden. Weiters können die Nieren beeinträchtigt werden und schlimmstenfalls wird das zentrale Nervensystem geschädigt. Wie oft kommt es vor, dass man Krankheiten nicht erklären kann? Plötzlich wird bei jemandem Darmkrebs diagnostiziert, der immer gesund gelebt hat? Jemand leidet an Gicht, und das schon in jungen Jahren? Oder Multiples Sklerose (MS) wird gar bei der besten Freundin festgestellt? Vielleicht sollten wir unsere Umweltgifte dafür verantwortlich machen. Vielleicht war es ein Pestizid. Vielleicht CO2. Vielleicht Blei. Vielleicht ein wenig von allem.

Mehr Hochwasser und schwimmende Keller.

Jedes Jahr aufs Neue treffen uns in Österreich Umweltkatastrophen, dazu zählen Hochwässer und diese nehmen zu und nicht ab. Warum ist das so? Unter anderem deshalb: Der Boden ist wie ein Schwamm, er nimmt während langer Regenperioden Wasser auf und gibt es zu Trockenzeiten wieder ab. Das ist gut, denn nur so haben wir unser Wasser in unseren Leitungen sicher gestellt, können im Sommer gießen und Pools füllen und unsere Natur wird nicht zur Steppe, sobald es einmal längere Zeit keinen Niederschlag gibt. Doch damit dieses harmonische Gefüge nicht ins Ungleichgewicht gerät (und das hat es leider schon längst), muss genügend gesunder, unverbauter Erdboden vorhanden sein. Baue ich nun eine neue Straße, nehme ich Boden weg. Was ist mit dem Wasser, das bislang dort gespeichert wurde? Gute Frage.

Wenn es regnet, wird vermutlich mehr Wasser in den Bächen und in den Kanälen landen. Mein reiner Hausverstand sagt mir, dass nach dem Bau der Ost“umfahrung“, möglicherweise die Warme Fischa und der Kehrbach mehr Wasser führen werden. Zwar gibt es das großartige Überlaufbecken, aber dieses befindet sich erst am Ende Wiener Neustadts. Auch der Grundwasserspiegel wird während starker Regenzeiten in manchen Gebieten Neustadts massiv ansteigen. Fragen Sie mal alle Wiener Neustädter, deren Häuser tiefe Keller unter der Erde haben, wie es ihnen ergeht, wenn mal wieder eine lange Regenperiode auf uns einprasselt? Ich rate jetzt mal nur ganz grob und behaupte, dass 80% eine Wasserpumpe laufen lassen müssen, um nicht „überzugehen“ und teilweise sogar die Feuerwehr anrücken lassen, weil sie die Wassermassen nicht mehr selbst bewältigen.

Ehrliche Abschlussworte.

Ich muss ja ehrlicherweise zugeben, dass, würde die Ost“umfahrung“ eine tatsächliche Verkehrsentlastung bringen, ich vielleicht nicht so intensiv gegen den Bau der Straße wäre. Vermutlich würde mein Herz als Biologin und Wissenschaftsjournalistin bluten – das mit Sicherheit. Innerlich würde ich für die sterbende Natur Tränen vergießen. Mein Verstand, rein als Wiener Neustädterin, wäre vermutlich dafür. Der Verkehr ist die Hölle. Es liegt aber auf der Hand, dass das Verkehrsaufkommen mit dem Bau der ostBEFAHRUNG nur mehr, statt weniger wird. Sogar die politischen Entscheidungsträger bestätigen das. Verkehrsgutachten des Landes Niederösterreich verdeutlichen es. Das heißt: mehr Autos und NOCH MEHR STAU. Ich fürchte mich jetzt schon davor, meine Kinder bei Regen mit dem Auto in die (zwei unterschiedlichen) Kindergärten zu bringen und selbst dann noch zu einem beruflichen Termin weiterzufahren.

In diesem Sinne: Noch sind die Bagger nicht angerollt. Noch können wir retten, was es sich zu retten lohnt. Schreibt Leserbriefe an die NÖN oder an die Krone oder an ein anderes Medium! Schreibt Beschwerdebriefe an die Stadt und an das Land! Postet alles in euren sozialen Netzwerken! Redet mit euren Nachbarn, Verwandten und Bekannten! Rüttelt wach, wo es wachzurütteln gilt! Quatscht den nächsten Radfahrer oder Jogger an, der euch entgegen kommt (mit zwei Meter Abstand). Eine Generation vor mir hat es geschafft, den Bau eines riesigen Kraftwerks zu stoppen und sogar das Inbetriebnehmen eines Kernkraftwerkes, das bereits gebaut war,- da wird uns wohl der Stopp einer Straße gelingen.

Die Vernunft muss siegen!

In Diesem Sinne alles Liebe und „stay eco, be switched!“

Eure Lisa

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