Ein kleines Wort mit einer unfassbar tiefen Bedeutung.

Mein 5-jähriger Sohn hat mich auf diesen Blog-Eintrag gebracht, da er während der Fastenzeit zwischen Fasching und Ostern auf Süßigkeiten verzichtet. Also wir reden hier von Schokoladetafeln und Gummibärchen. (Kuchen, Kekse und dergleichen erlaubt er sich selbst.) Aber trotzdem: Ich ziehe meinen Hut vor ihm. Wir sind nicht sonderlich katholisch – lediglich am Papier – aber ich hatte ihm erklärt, was die Fastenzeit für Christen bedeutet. Das faszinierte ihn so sehr, dass er beschlossen hat, 40 Tage auf seine Lieblingsnaschereien zu verzichten. Er ist ein Kindergartenkind und schafft etwas, das viele Erwachsene noch nie probiert haben: Verzichten.

Aber was ist Verzicht denn überhaupt? Ist „nicht zu naschen“ Verzicht?

Wissen wir (wenn ich wir schreibe, dann meine ich all jene, die in dieser regenbogenbunten Blase aus Glückseligkeit aufgewachsen sind, diejenigen, die der Nutznießergeneration entstammen) überhaupt, was es heißt, auf etwas verzichten zu müssen? Manche: ja. Bestimmt. Es gibt traurige Schicksale überall auf der Welt, auch hier in Österreich. Es sterben Menschen. Es gibt Armut. Es gibt Ängste.

Ich kenne all das nicht. Naja, meine Großeltern sind verstorben als ich ein Kind war und da lernte ich es kennen, wie es ist, auf einen geliebten Menschen verzichten zu müssen. Aber das war gleichzeitig der Lauf der Dinge: Die Alten gehen. Kinder kommen. Und ja, vielleicht habe ich als Kind nicht das zigfachste, vermeintlich unnötige Plastik-Klumpert bekommen, weil mein Zimmer ohnehin schon voll mit Spielzeug war. Aber das ist doch kein Verzicht. Das ist Erziehung.

Verzicht ist ein Wort, das unglaublich oft Verwendung findet. Vor allem, wenn es um umweltpolitische Fragen geht, kommt man ohne diesen Begriff nicht aus.

„Lasst uns auf das Autofahren verzichten, weil wir damit den Co2-Ausstoß verringern.“

„Lasst uns auf tierische Produkte verzichten, weil das den ökologischen Fußabdruck kleiner macht.“

„Lasst uns auf Plastik verzichten, weil das mehrere Menschenleben lang nicht verrottet.“

„Lasst uns auf Weichspüler verzichten, weil da Schweineblut dran klebt.“

So viele Leute haben Angst davor, ökologischer zu leben, weil sie Angst haben, auf etwas verzichten zu müssen. Gerne wird das Todschlagargument gebracht: „Ist doch ein Tropfen auf dem heißen Stein, wenn ich ökologischer lebe, solange China und ähnliche Großstaaten hinsichtlich der Klimakrise machen was sie wollen.“

Ja, stimmt. Aber jede Medaille hat zwei Seiten. Lasst uns doch die andere betrachten und formulieren wir alles um:

„Heute bin ich bei schönem Wetter von der Arbeit zu Fuß nach Hause gegangen. Das hat so gut getan.“ ODER „Wenn ich meine Freundin besuche, fahre ich jetzt immer mit dem Rad und erspare mir seither das Fitnesscenter.“

„Ich probiere gerade fantastische Rezepte aus, die mir eine ganz neue Geschmackswelt eröffnen. ODER „Meine Blutwerte sind ein Traum. Meine Hausärztin ist total begeistert und hat sich gewundert, wie ich das hinbekommen habe.“

„In Plastik stecken Stoffe, denen man nachsagt, krebserregend zu sein. Glücklicherweise komme ich fast ohne aus.“ ODER „Mein Wasser schmeckt aus der Glasflasche viel besser.“

„Ich spare Geld, weil ich keinen Weichspüler mehr verwende.“ ODER „Die Inhaltstoffe von Weichspüler sind ja gruselig ungesund, gut, dass ich jetzt keinen mehr kaufe.“

Ich bin zum Entschluss gekommen, dass wir – die Nutznießergeneration, die in ihrer Glücksblase lebt – nie auf etwas verzichtet. Für mich impliziert der Begriff Verzicht etwas ganz Wesentliches, und zwar einen maßgeblichen Nachteil. Solange Verzicht einen Vorteil hervorruft, handelt es sich nicht um Verzicht per se, sondern um einen Mehrwert. Eine neue Lebensart, mit der man nur gewinnen kann.

Besudeln wir also bitte nicht das Wort „Verzicht“, denn es gibt viele Menschen auf der Welt, die tatsächlich verzichten müssen und das nicht freiwillig.

Was bedeutet Verzicht für Euch?

Be switched!

Alles Liebe,

Eure Lisa